Der Unterschied zwischen Künstler und Handwerker

Aus Was du tust, bring es zu Ende! - 4. Kapitel: Der Unterschied zwischen Künstler und Handwerker.

Wenn du eine Arbeit fertigmachst, so musst du imstande sein zu sagen: „Hier ist mein Werk, ich bin bereit dafür aufzukommen. Es ist nicht bloß annähernd leidlich gemacht, es ist gearbeitet, so gut als ich es machen konnte, es ist vollkommen fertiggemacht. Ich will dafür aufkommen, jeder darf mich nach dieser Arbeit beurteilen.“

 

Sei niemals zufrieden mit „ziemlich gut“, „leidlich gut“, „gut genug“ – lass nichts gelten, von dem du nicht sagen kannst: „Es ist mein Bestes.“ Mache deine Sache so, dass jeder, der irgendwo eine deine Arbeiten trifft, Charakter und Persönlichkeit darin findet und Vortrefflichkeit als deine Handelsmarke darauf liest. Bei allem, was du machst, steht dein Ruf auf dem Spiel – und dein Ruf ist dein Kapital. Du kannst es dir gar nicht leisten, eine ärmliche Arbeit, ein Flick- und Stückwerk, irgendetwas Minderwertiges aus der Hand zu geben. Jedes Stück, das du gemacht hast, ganz gleich wie unwichtig oder unbedeutend es sein mag, muss deine Handelsmarke „Tadellos“ tragen. Alles, was dir durch die Hand geht, musst du ansehen, wie Tampion jede Uhr ansah, die aus seinem Geschäft hinausging. Es muss das Beste sein, was du überhaupt machen konntest, ja das Beste, das menschliche Geschicklichkeit herstellen kann.

 

Gerade der kleine Unterschied zwischen „gut“ und „am besten“ ist auch der Unterschied zwischen Handwerker und Künstler. Jene kleinen Handgriffe und Verbesserungen, vor denen der Durchschnittsarbeiter gerade aufhört, die machen den Ruhm des Meisters aus.

 

Behandle deine Arbeiten wie Stradivari seine Geigen, auf die er schrieb: „Für die Ewigkeit gemacht“, von denen noch keine einzige versagt hat. Jede Arbeit, die aus deiner Hand geht, sollte mit deinem Charakter gestempelt sein, wie die Arbeiten des Goldarbeiters mit dem Karatstempel.

 

Stradivari brauchte kein Patent für seine Geigen, denn kein Geigenbauer ließ sich die Vortrefflichkeit seiner Arbeiten so viel kosten wie er, keiner gab sich so viel Mühe, seiner Arbeit den Stempel der Vollkommenheit aufzudrücken. Er war von vornherein entschlossen, dass die Leute seinen Namen auf jeder Geige als höchstes Wertzeichen einschätzen sollten und dass dieser Name die Handelsmarke werden müsse, die seine Sachen auf der ganzen Welt schütze. Sein Ruf war sein Patent: ein andres brauchte er nicht. Und heute ist jede noch vorhandene Stradivarigeige zwischen zwölf- und vierzigtausend Dollar wert, das heißt ihr mehrfaches Gewicht in Gold.

 

Denk einmal darüber nach, wie viel du wert wärest, wenn du einen derartigen Ruf für tadellose Arbeit hättest wie Stradivari oder Tampion und wenn du von solcher Leidenschaft erfüllt wärest, tadellose Arbeit zu liefern. Es gibt nichts, was so viel wert ist im Leben und im Charakter, als derartig in Vollkommenheit verliebt zu sein, Gründlichkeit zum Lebensgrundsatz haben und immer nach der Auszeichnung zu geizen, dass man tadellose Arbeit liefert.

 

Wenn jemand Leute anstellt, so wird er durch nichts so beeinflusst, als wenn er sieht, dass es einem zur zweiten Natur geworden ist, sorgfältig, genau und tadellos zu arbeiten. Wenn ein junger Mann wirklich gewissenhaft arbeitet, nicht um des Lohnes oder des Verdienstes willen, sondern weil etwas in ihm ist, das ihn nur dann mit einer Arbeit zufrieden sein lässt, wenn sie in ihrer Art vollkommen ist – wenn ein junger Mann diese Eigenschaft hat, so merkt jeder, der ihn anstellt, dass er aus Kernholz geschnitzt ist.

 

Ich weiß eine Menge Fälle, wo die Beförderung nur davon abhing, dass ein Angestellter ein wenig mehr Anteil am Geschäft nahm, sich ein wenig mehr Mühe gab und seine Sache ein wenig besser macht als man von ihm erwartet hatte. Ein Geschäftsmann ist doch kein Narr. Er sagt nicht alles, was er denkt, aber die Anzeichen der Überlegenheit merkt er sofort heraus und behält den Mann im Auge, der den Stempel der Auszeichnung trägt, der sich redlich Mühe gibt bei seiner Arbeit und der seine Sache wirklich fertig macht: er weiß, ein solcher Mensch hat eine große Zukunft vor sich.

 

John D. Rockefeller der Jüngere sagt: „Das Geheimnis des Erfolges liegt darin, dass man ganz gewöhnliche Dinge ungewöhnlich gut macht.“ Die meisten jungen Leute sehen nicht, dass die Sprossen der Leiter, die zu den höchsten Stellen führt, nur aus der treuen Erfüllung der ganz gewöhnlichen, niederen, alltäglichen Pflichten bestehen, die sie in ihrer jetzigen Stellung zu erfüllen haben. Deine Arbeit von heute ist der Schlüssel zu der Tür deiner Beförderung von morgen.

 

Es gibt viele Angestellte, die auf irgendeine große Sache warten: die soll ihnen Gelegenheit geben, zu zeigen, was sie wert sind. „Was kann dieses trockene Einerlei, diese gewöhnliche und alltägliche Arbeit nützen, um mich vorwärts zu bringen?“ so sagen sie zu sich selber. Aber nur der kommt voran in der Welt, der die günstige Gelegenheit gerade in diesen einfachen Arbeiten entdeckt, der in ganz gewöhnlichen Umständen ungewöhnliche Möglichkeiten erblickt. Was die Aufmerksamkeit deines Vorgesetzten und andrer Leute auf dich lenkt, das ist folgendes: tu deine Arbeit ein wenig besser als die Leute um dich herum, mache sie ein wenig hübscher, ein wenig schneller, ein wenig genauer, ein wenig sorgfältiger als die andern; sei findig im Entdecken, wie man alte Dinge auf neue und bessere Art machen kann; sei ein wenig höflicher und zuvorkommender, ein wenig taktvoller, fröhlicher und hoffnungsfreudiger, ein wenig energischer und brauchbarer als die andern!

 

Gar manchen hat sein Vorgesetzter schon längst für eine höhere Stellung ausersehen, ehe er noch selber dran denkt. Es kann noch Monate dauern, noch ein Jahr meinetwegen, bis die Stelle aufgeht. Aber wenn es so weit ist, wer wird der nächste dazu sein? Der Mann, der den winzigen Unterschied zwischen „gut“ und „besser“ erfasst hat, zwischen „leidlich“ und „ausgezeichnet“, zwischen dem was andere vielleicht schon gut nennen und dem, was er als sein Bestes leisten kann.

 

Eines der wichtigsten Vorzeichen des Erfolges ist die brennende Sehnsucht, seine Sachen wirklich fertig zu machen und im Kleinen ebenso genau zu sein wie im Großen. Der junge Mann, der vorwärts kommt, ist allemal der, der nicht damit zufrieden ist, wenn er etwas „leidlich“ gemacht hat und der nichts halbfertig aus der Hand gibt: Nur was vollständig ist bis zur Vollkommenheit, genügt seinen Ansprüchen, die er an sich selber stellt. Solche Leute, die das unstillbare Verlangen in sich tragen, überall das Beste zu haben, die halten die Fahne des Fortschritts in der Hand und werden Vorbilder und Ideale für andre.

 

Einer der erfolgreichsten Männer, die ich kenne, machte auf jeden, der ihn sah, einen unvergesslichen Eindruck eben durch dieses fortwährende Verlangen nach dem Besten. Ob es Stoff oder Schnitt seiner Kleider war, oder sonst etwas, das er kaufte – nichts war ihm gut genug als das Allerbeste. Auch als er noch ganz arm war und erst anfing sich emporzuarbeiten, ein Zustand, in dem andre in billigen Wirtshäusern aßen und in billigen Zimmern wohnten, wollte er davon nichts wissen. Er war fest überzeugt, er werde nur dann Erfolg haben, wenn er sich die höchsten Ideale setze, wenn er stets die höchsten Forderungen an sich stelle und wenn er stets den besten Eindruck auf andre mache: dass er das aber nicht könne, wenn er sich mit billigen und schundigen Dingen umgebe. Alles das mied er wie Gift, weil er überzeugt war, es würde ihn herunterziehen. Keine billigen, schlecht gedruckten Bücher, keine billigen Schundstoffe zu Anzügen, keine billigen, armseligen Zimmer – er musste das Beste von allem haben, sonst lieber gar nichts.

 

Seine Bekannten meinten alle, es sei eine große Torheit von ihm und werde sicher zum Unglück ausschlagen, als er bei der ersten Gründung eines eigenen Geschäfts seine sämtlichen Einnahmen darauf verwendete, alles recht fein zu haben und mit den feinsten Leuten zu verkehren. Er aber blieb bei seiner Meinung, dass es die Ausgaben wert sei, mit wirklich feinen, gebildeten und reichen Leuten in Verbindung zu sein, denn diese würden ihm später im Leben weiterhelfen. Er war der Überzeugung, dass gesellschaftliche Erfolge ein unentbehrliches Mittel zu geschäftlichen Erfolgen seien und deshalb hielt er seine Beziehungen zu den höheren Gesellschaftsschichten für unschätzbar wertvoll. Und sein späterer Lebensgang scheint ihm darin vollständig Recht zu geben. Anfangs musste er freilich hart kämpfen, jetzt aber hat er eine ganz ausgezeichnete Stellung, und die mit ihm zur Schule gingen und ihn in seiner Jugend als armen Jungen gekannt und damals über die hohen Ziele gelacht hatten, die er sich steckte, die bewundern ihn jetzt aufrichtig.

 

Was wir aus der Laufbahn dieses Mannes lernen können, das ist der Gedanke, dass wir nichts im Leben an uns herankommen lassen sollen, das unsre Ideale herunterziehen und unsre Ansprüche an uns selbst vermindern könnte. Wenn wir uns zu den besten Leuten halten, unser Bestes leisten, aber auch immer und überall das Beste für gerade gut genug für uns halten –, dann werden wir auch das Beste im Leben gewinnen. Wenn du etwas in deinem Wesen hast, was stets nur das Beste haben und tun will, und nie mit weniger zufrieden ist, wenn du diesen Maßstab in allen Stücken aufrecht hältst, dann wirst du dich sicher im Leben auszeichnen, vorausgesetzt, dass es dir nicht an Entschlossenheit und an Beständigkeit fehlt, diesem Ideal treu zu bleiben. Wenn du aber mit billigem Schund zufrieden bist, wenn dir nichts daran liegt, bei deinen Arbeiten, oder in deiner Umgebung, oder in deinen täglichen Gewohnheiten immer auf das Beste zu sehen, dann kannst du nichts andres erwarten, als überall an die zweite Stelle oder noch weiter nach hinten zu kommen.

 

Wer etwas Wertvolles geleistet hat, der besaß eine hohe Anschauung davon, wie er seine Sache zu machen hatte. Er war nie mit mittelmäßigen Leistungen zufrieden, er war nicht zufrieden damit, die Sachen ebenso zu machen wie die andern, sondern er wollte sie immer ein wenig besser machen. Was ihm in die Hand kam, das brachte er einen Schritt weiter, eine Stufe höher. Und dieser Schritt bedeutet eben die Vortrefflichkeit der Arbeit. Wer sich fortwährend bemüht, in allem, was er unternimmt, der Beste zu sein, der gelangt auf die Höhe der Vollkommenheit.

 

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