Selbstbeherrschung als Gegenmittel gegen Ausbrüche der Leidenschaften

Aus Kraft, Gesundheit und Wohlstand - 14. Kapitel: Selbstbeherrschung als Gegenmittel gegen Ausbrüche der Leidenschaften

 

Zeige mir, dass du dich selbst beherrschen kannst, dann will ich dir sagen, ob du erzogen bist: ohne das ist alle Erziehung so gut als wertlos.


Es soll nur niemand glauben, dass er etwas Rechtes leisten könne, solange er nicht Herr über sich selbst ist. Der Mangel an der Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen, hat Tausende zugrunde gerichtet, von denen man das Höchste erwarten durfte, wie Goethe von dem Dichter Günther sagt: „Er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm sein Leben und sein Dichten.“ Ein großer Teil der Verbrechen an Leib und Leben ist ausschließlich Folge dieses Mangels. Man frage die Insassen unsrer Gefängnisse, was der Ausbruch ihrer Leidenschaft sie gekostet hat; wie viele dieser Unseligen haben ihre Freiheit für ein ganzes langes Leben verloren infolge eines Ausbruchs der Leidenschaft, der nicht länger gedauert hat als eine einzige Minute. In einem Augenblick war die Waffe abgedrückt oder das Messer vorgestoßen – aber die ganze Ewigkeit kann das Verbrechen nicht ungeschehen machen.

 

Wie mancher hat eine gute Stellung verloren und eine nie wiederkehrende Gelegenheit verscherzt, weil er in einem Augenblick des Zornes oder nur des Ärgers sich gehen ließ! Wie oft sehen wir solche Opfer ihres Mangels an Selbstbeherrschung in einem Augenblick verlieren, was sie in langen Jahren oder vielleicht in ihrem ganzen bisherigen Leben sich erworben haben. Es gibt genug Menschen, die sich einfach nicht zurückhalten können, wenn sie ihre Leidenschaft treibt, mit Leuten, von denen sie irgendwie abhängig sind, wie man sagt, einmal „deutsch zu reden“. Aber das ist unter Umständen eine außerordentlich teure Sache.

 

Noch übler ist es freilich, wenn man sich im Zorn zu einem ganz entwürdigenden Benehmen hinreißen lässt. Ich habe Leute gesehen, die sich mehr wie Verrückte als wie verständige Menschen benahmen. Ein Mann, der sich in einem solchen Zustand ungezügelter Leidenschaft befindet, ist aber auch wirklich zeitweilig verrückt. Ja, niemand ist geistig ganz gesund zu nennen, der nicht vollkommen Herr seiner Handlungen ist; denn er ist fähig, in einem Augenblick etwas zu tun, was er sein ganzes späteres Leben lang bereut.

 

Welcher Dichter wäre imstande, alles Unheil zu beschreiben, das die ganze Schar der wilden Leidenschaften, Zorn, Eifersucht, Rachsucht und Hass, schon angerichtet haben! Man denke nur an die entsetzlichen Wirkungen, die die Rachsucht schon vor der Rachetat auf den Geist des von ihr Besessenen haben muss, der vielleicht Jahre hindurch den brennenden Wunsch in seiner Seele trägt, seinem Feind gegenüberzutreten und seine Rache an ihm zu kühlen.

 

Und wie nimmt der Ausbruch einer solchen Leidenschaft den ganzen Menschen an Leib und Seele mit – mehr als Wochen harter Arbeit in gesundem Zustand. Dazu kommt noch alles, was nachfolgt, die Beschämung, die Reue, die Einbuße an Selbstachtung. Ein starker Zornesausbruch kann mehr seelischen und körperlichen Schaden im Gefolge haben als ein grober Rausch, der Hass üblere Spuren hinter sich lassen als die Flasche. „Manche Seele ist heute krank, weil gestern das Feuer des Zornes in ihr gewütet hat.“ Ohne Zweifel haben derartige ungezügelte Ausbrüche der Leidenschaft manches Leben abgekürzt.

 

Es gibt Menschen, die in einen solchen Zorn geraten können, dass sie noch einige Zeit nachher zittern und zu jeder Arbeit unfähig sind.

 

Die Ärzte wissen, wie heftige Eifersucht die Nerven schädigt und ihr Opfer oft für lange Zeit zugrunde richtet. Wenn diese Leidenschaft einmal von einem Menschen Besitz ergriffen hat, so verändert sie seine ganze Stellung zum Leben. Mit vollem Recht hat man gesagt: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Das ganze Seelenleben gerät unter ihren Einfluss, das vernünftige und folgerichtige Denken wird gelähmt durch diese „Feindin des Denkens“, und die Veränderungen machen sich auch im Gehirn fühlbar.

 

Wenn die Menschen wüssten, welche Umwälzungen da in Geist und Körper vor sich gehen, wie der feine Bau der Nervenzellen geschädigt wird, wenn sie die Wirkungen eines solchen geistigen Wirbelsturms ebenso mit Augen sehen könnten wie die eines wirklichen Sturms – sie würden sich aufs äußerste hüten, je wieder zornig zu werden.

 

Das Gehirn und die Nervenzellen sind auf einen glatten, ruhigen und ungestörten Ablauf der Lebensvorgänge eingerichtet und unter dieser Bedingung der größten Leistungen für unsre Gesundheit und unser Glück fähig. Aber sie halten nicht lange aus, wenn die Sache anders liegt, wie eine feingebaute Maschine bald stillsteht, wenn sie beständig zu viel Dampf oder zu wenig Öl aber kein richtig gehendes Schwungrad und damit keine Gleichmäßigkeit der Bewegung hat.

 

Es war etwas nicht in Ordnung bei der Erziehung, wenn ein Mensch nicht imstande ist, sich zusammenzunehmen, wenn er genötigt ist, zuzugeben, dass er nur für bestimmte Zeiten ein Mensch, zu andern Zeiten aber ein wildes Tier ist, und dass dieses Tier in ihm manchmal seine Ketten zerreißt und tut, was es will, ohne dass er ihm Zaum und Zügel anlegen kann.

 

Zopyrus sagte einmal zu Sokrates: „Deine Gesichtszüge verraten mir, dass du töricht, gewalttätig, sinnlich und zum Trunk geneigt bist.“ Sokrates erwiderte: „Von Natur neige ich zu all diesen Fehlern, aber ich habe sie zurückgehalten und besiegt durch beständige Übung der Tugend.“

 

Der Schöpfer hat in jeden Menschen eine göttliche Kraft gelegt, die auch der stärksten Leidenschaft gewachsen ist; wenn er diese Kraft entwickelt und anwendet, so braucht er keines Lasters Sklave zu sein.

 

Wenn Goethe sagt:

Gebt ihr euch einmal für Poeten,

So kommandiert die Poesie,

 

so könnte man auch sagen: Wollt ihr einmal tugendhaft sein, so kommandiert die Tugend, befehlt ihr, zu erscheinen, ja tut, als ob sie schon da wäre.

 

Emerson sagt: „Wenn du eine Tugend gern haben möchtest, so musst du tun, als ob du sie schon hättest; wie ein großer Schauspieler ganz erfüllt ist von dem Charakter der Rolle, die er spielt, so musst auch du diese Tugend spielen und so lebendig als möglich darstellen – dann erwirbst du sie.“ Wie groß auch eine bestimmte Schwäche bei dir sein mag, du musst dich energisch und dauernd in das Gegenteil hineindenken, bis dir dieser Gedankengang zur andern Natur wird. Halte dir das Ideal eines Menschen vor, der sich vollkommen in seiner Gewalt hat. Der Weg, auf dem man etwas erreicht, besteht darin, dass man sich „mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüt und mit allen seinen Kräften“ danach streckt und reckt, und der Erfolg richtet sich genau nach dem Grad der Energie unsres Strebens.

 

Wenn du zu heftigen Zornesausbrüchen geneigt bist, so hat es keinen Wert, dich damit aufzuhalten, dass du diese Schwäche bedauerst oder gar zu andern sagst, du habest sie eben. Nein, denke dir einen Menschen, der ruhig, gleichmäßig und vollständig Herr über sich selbst ist, und halte dieses Ideal im Geist fest. Suche dich mit aller Gewalt zu überreden, dass du nicht zornig, nicht erregbar bist, dass du dich fest im Zügel hast, dass du dein Gleichgewicht vollkommen bewahren kannst – und du wirst mit Staunen sehen, wie dieser Gedanke dich dahin bringt, ihm selber ähnlich zu werden. Alles, was wir sind, was wir waren und was wir je sein werden, ist bestimmt durch unser Denken.

 

Der Zorn ist ein zeitweiliger Wahnsinn. Ein Mensch muss ja wahnsinnig sein, wenn er Leben und Ruf aufs Spiel setzt oder seinen Freund ohne einen Augenblick der Überlegung tötet. Ein Kind lernt durch seine Erfahrung, sich vor der Berührung von heißen oder scharfen Dingen zu hüten, an denen es sich verbrennen oder schneiden könnte – und da sollten wir Erwachsenen nicht lernen können, die Leidenschaft zu meiden, die uns so viel Leiden schafft?

 

Wer das Geheimnis des rechten Denkens und der richtigen Selbstbeherrschung kennt, der kann sich ebenso leicht gegen geistige wie gegen äußere Feinde verteidigen. Er weiß, dass, wenn das Gehirn von einer Leidenschaft erhitzt ist, man nicht noch mehr Brennstoff hinzutragen muss, indem man nun wettert und tobt, sondern dass man sofort Gegenmittel anwenden muss, den kühlen Gedanken der Ruhe, des Friedens, des Einklangs – der wird die Flamme löschen. Wenn ein Haus brennt, spritzen wir doch nicht mit Öl, sondern mit Wasser. Das muss schon ein Kind früh einsehen lernen, wenn sein Denken in die rechten Bahnen geleitet, wenn es dazu erzogen wird, Selbstbeherrschung zu üben, wie viel Unglück und Unheil wird ihm dadurch erspart.

 

Aber die Sache hat noch eine andre Seite. Wenn wir einen Menschen sehen, der in einem Sumpf oder im Triebsand steckt und verzweifelte Anstrengungen macht, herauszukommen, so eilen wir ihm doch sicher augenblicklich zu Hilfe und denken nicht daran, die Sache noch schlimmer zu machen und ihn etwa noch tiefer hineinzustoßen. Wenn aber ein Mensch zornig ist, so kommt es oft genug vor, dass wir Öl ins Feuer gießen, statt versuchen, es zu löschen – besonders wenn etwa sein Zorn sich gegen uns äußert. Und doch, wie dankbar ist ein rechter Mensch dem, der ihm das tut, was er selbst nicht kann, der ihm hilft, sich zusammenzunehmen und seine Leidenschaft zu bemeistern. Oder wenn wir gar sehen, wie ein Mensch sich zusammennimmt, um den Zorn nicht zum Ausbruch kommen zu lassen – wie schändlich ist es da, ihn noch mehr zu reizen und so den Brand recht hell auflodern zu lassen, den wir vielleicht mit Ruhe oder mit einem guten Wort hätten ersticken können!

 

Durch ein derartiges Verhalten tun wir nicht bloß dem andern einen großen und wertvollen Dienst, sondern wir stärken auch unsre eigene Fähigkeit und Kraft zur Selbstbeherrschung. Ein Mensch, der sich nicht beherrschen kann, ist wie ein Schiffer ohne Kompass, die Beute jeden Windes, der ihn hierhin und dorthin treibt und es ihm unmöglich macht, in den Hafen des vollkommenen Friedens einzulaufen.

 

Selbstbeherrschung ist das eigentliche Wesen des Charakters. Die Fähigkeit, einem andern Menschen auch bei der stärksten Reizung ruhig und überlegen ins Auge zu sehen und die Herrschaft über uns selbst nicht zu verlieren, gibt uns ein Gefühl von Kraft und von Herrschaft über den andern, wie sonst nichts auf der Welt. Wenn du das Gefühl haben kannst, dass du nicht bloß manchmal, oder auch meistens sondern einfach immer Herr deiner Selbst bist und dass du dich darauf in jeder Lage verlassen kannst, so gibt dir das eine Würde, eine Charakterstärke, eine Sicherheit, die du durch nichts andres gewinnen kannst. Die Herrschaft über die Leidenschaft ist der Gipfel der Herrschaft über unsre Gedanken.

 

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